Was ist IS-TDP?

Was ist “Intensive Psychodynamische Kurzzeittherapie” (IS-TDP) nach Davanloo?

Die Intensive Psychodynamische Kurzzeittherapie (Intensive Short-Term Dynamic Psychotherapy, IS-TDP) ist eine hoch wirksame psychodynamische Psychotherapiemethode. Sie ist indiziert für die Behandlung von Symptom- und Persönlichkeitsstörungen.

Abhängig von der Zielsetzung wird IS-TDP als Kurzzeittherapie oder in analytischer Version (Major Mobilization of the Unconscious and Psychoanalytic Investigation) angewendet.

Um die Errungenschaften der Psychoanalyse einer großen Klientel zugänglich zu machen entwickelte Davanloo, wie auch andere Wissenschaftler dieser Zeit (Balint, Malan, Strupp, Sifneos, Mann, Goldmann) eine psychodynamische Kurzzeittherapie.

Mithilfe der Analyse von gefilmten therapeutischen Interventionen untersuchte und entdeckte Davanloo die Wirkfaktoren eines erfolgreichen therapeutischen Prozesses.

Präzise Interventionen auf bewusste und unbewusste Übertragungsangebote des Patienten ermöglichen einen steilen Anstieg der komplexen Übertragungsgefühle und der Übertragungswiderstände.

Mit gleichzeitiger Förderung der bewussten und unbewussten therapeutischen Allianz (siehe unten) kann der Patient seine Ängste und Widerstände überwinden und das Erleben von lebensgeschichtlich frühen Gefühlen zulassen. Entscheidend ist es hierbei, parallel zu den Widerständen des Patienten seine Ressourcen und seinen in der Regel tief vergrabenen Heilungswillen zu wecken. Das direkte körperliche Erleben der archaischen Gefühle in der Übertragung ist der Schlüssel zu verdrängten traumatischen Kindheitserfahrungen.

Diese Gefühle werden auf neurophysiologisch definierten Bahnen aktiviert und innerlich erlebt, symbolisiert in Gedanken und Fantasien.

Das emotionale Erleben der inneren traumatischen Situation und die wiederholte systematische Analyse des emotionalen Erlebens im Zusammenhang mit den erkannten Abwehrstrukturen führen zu einer vielschichtigen multidimensionalen Strukturveränderung:

  • bleibende Symptomheilung
  • Veränderung eingefahrener Charakterstrukturen
  • Auflösung von Wiederholungszwängen und masochistischen Beziehungsmustern
  • Versöhnung mit den Introjekten, der eigenen Geschichte und sich selbst
  • konstruktive Beziehungsgestaltung
  • Befreiung und Stärkung des Ich

Neue Metapsychologie des Unbewussten

Folgendes Bild kann die pathogene Organisation des Unbewussten veranschaulichen:

Im Kern liegt die mit positiven Gefühlen aufgeladene frühe Bindung. Bei Traumatisierung der Bindung legen sich reaktiv Gefühle wie Schalen einer Zwiebel um diesen Kern: Traumaschmerz, mörderische Wut, Schuldgefühle und Trauer. Zur Verdrängung dieser Gefühle legt sich darum als weitere Schale ein Abwehrsystem, das sich im Charakter niederschlägt. Da jede emotionale Annäherung die im Kern verdrängten Gefühle mobilisiert, bildet sich noch eine äußerste Schicht von Abwehr emotionaler Nähe.

Unterscheidungsmermale von klassischen Psychoanalytischen Methoden:

Durch Fokussierung auf die Nähe zum Therapeuten wird das pathogene System mobilisiert. Der aktive und direkte Umgang mit den Widerständen und das intensive Erleben der verdrängten Gefühle im Hier und Jetzt dem Therapeuten gegenüber ist der Schlüssel zum Unbewussten. Der Durchbruch zum Unbewussten erfolgt nicht kognitiv über Deutungen, sondern emotional über das körperliche Erleben verdrängter Gefühle. Je nach Grad der Mobilisierung kann bereits im Erstinterview ein partieller oder erweiterter Zugang zur neurotischen Kernstruktur mit der jeweiligen Bezugsperson erreicht werden. Dadurch wird die Übertragung in jeder Sitzung aufgelöst und die Entwicklung einer Übertragungsneurose vermieden.

Technik der IS-TDP

Die Videoanalyse ist noch heute integraler Bestandteil täglicher klinischer Anwendung, Lehre und Forschung der IS-TDP. Sie verhilft dem Therapeuten zu einer präzisen Benennung der Widerstände und der unbewussten Angst des Patienten.

Charakteristisch für die IS-TDP ist die aktive Rolle des Therapeuten. Er muss ständig die beobachtbaren Variablen der unbewussten Prozesse Angst und Abwehr im Blick behalten und das momentane Angstniveau und die Angstkapazität des Patienten einschätzen. Durch den spezifischen und gezielten Einsatz der technischen Interventionen Druck, Herausforderung und Head-on Collision erhöht sich die Angsttoleranz, werden die Ichfunktionen gestärkt und die Unbewusste Therapeutische Allianz gefördert. Der Zugang zum Unbewussten wird dann erreicht, wenn die Unbewusste Therapeutische Allianz zu einer Kraft im Unbewussten wird, die die Widerstände überwindet.

Der Therapeut handelt in hohem Respekt vor der Person des Patienten, aber Respektlosigkeit vor seiner destruktiven Abwehr.

Habib Davanloo, M.D. kam zur Facharztausbildung in Psychiatrie und Psychoanalyse an die Harvard-Universität in Boston, USA. Als Professor der Psychiatrie übernahm er 1960 die Leitung der Psychiatrischen Poliklinik an der McGill Universität in Montreal, Canada, und begann dort seine videogestützte Forschung und Entwicklung seiner Kurzzeittherapie. Bis heute forscht er und entwickelt seine Methodik und Lehre weiter.